Einige Anmerkungen zur Situation in Lettland:

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Die Situation ist vergleichbar mit der in Estland. Auch hier gibt es jedes Jahr einen Aufmarsch zu Ehren der Waffen-SS, der sog. Lettischen Legion, am Jahrestag einer Schlacht am 16. März,
Allerdings nicht am Ort der Schlacht, sondern in der Hauptstadt Riga, und zwar am Freiheitsdenkmal. Das erinnert an den Unabhängigkeitskampf nach dem Ersten Weltkrieg, d. h. wie in Estland wird auch hier eine historische Kontinuität behauptet,
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die die SS-Legionäre in den Kanon der Freiheitskämpfer einschließt.

 

 

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1500 Teilnehmer sind es regelmäßig.

 

 

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Im Wesentlichen aus der Generation der Kinder und Enkel, aber auch einige Veteranen.

 

 

 

Ebenso sind Gesinnungsgenossen aus Screenshot_25Estland, und hier zu sehen, der Litauischen Nationalistischen Jugend

Das ist jene Vereinigung, die wiederum vergleichbare Aufmärsche in Vilnius organisiert.

 

 

Screenshot_26An der Spitze des Blumenmeers vor dem Denkmal stand in diesem Jahr (2013) ein Fotos eines Soldaten in voller SS-Montur. All das macht deutlich: Hier geht es nicht um ein individuelles Totengedenken, sondern um eine politische Demonstration, diese Legionäre zu Freiheitskämpfern umzudeuten.

Auch in Lettland sind die Fans der Waffen-SS keine isolierte Minderheit, sondern ganz normaler Teil des Meinungsspektrums.
Zu den Aufrufern zählt u. a. die Partei „Alles für Lettland“, eine rechtsextreme Partei, die Bestandteil der Regierungskoalition ist.
Im vorigen Jahr hat der Präsident erklärt,  als guter Lette habe man sein Haupt zu neigen vor den gefallenen SS-Angehörigen, denn die hätten „ihre Heimat Lettland“ verteidigt. Das Außenministerium hat auf seiner Homepage, speziell für Ausländer, längere Abhandlungen, in denen erklärt wird, dass die Lettischen Legionäre in erster Linie Patrioten gewesen seien.

Proteste kommen, wie auch in Estland, fast nur von der russischen Minderheit, und nur von sehr wenigen Leuten; also wir reden von einigen Dutzend,
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wie hier der Bewegung Welt ohne Nazismus, die einen Kranz zu Ehren der Nazi-Opfer niederlegt.
Die Stadtverwaltung von Riga, die von der russophilen Harmonie-Partei gestellt wird, versucht übrigens Jahr für Jahr, den Aufmarsch zu verbieten, das Verbot wird aber regelmäßig von Gerichten aufgehoben.


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Das zentrale Geschichtsmuseum in Riga ist das „Okkupationsmuseum“, direkt beim Rathaus. Abgehandelt wird der ganze Zeitraum  1940/41 bis 1991..

 

 

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Als wir dort waren, war das Museum leider geschlossen, es gibt nur eine temporäre Ausstellung an einem anderen Standort, und es gibt eine Art Plakatwand an der Fassade des Museums.

 

 

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Festzuhalten ist erstmal: Der Holocaust wird nicht ausgeblendet, und überhaupt erhalten die Verbrechen der Nazis weit mehr Platz als im Pendant in Tallinn.

Ein direkter Vergleich findet nicht statt, es spiegelt sich hier einfach die These, dass das deutschfaschistische und das sowjetische Regime gleichermaßen Lettland als Beute betrachtet haben.

Das Museum nennt auch, immerhin, eine Reihe prominenter Politikern und Militärs, die sich von den Deutschen haben einspannen lassen.
Es schweigt aber über die Kollaboration auf unterer Ebene bzw. über die Verflechtungen zwischen Widerstand gegen die Sowjetunion und Kollaborateuren,
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etwa bei den sog. Nationalen Partisanenverbänden, die 1941 Angriffe auf die abziehende Rote Armee durchgeführt hatten. Dass viele dieser Partisanen später gemeinsame Sache mit den Deutschen machten, kommt nicht vor.

 

Während über den – sehr geringen –lettisch-nationalistischen Widerstand gegen die deutschen BScreenshot_32esatzer affirmativ berichtet wird, ist die Diktion beim sowjetischen Widerstand gegen die Nazis ganz anders: Bei den einen heißt es eben „Widerstand“, bei den Sowjets dagegen ist die Rede von „Terrorangriffen“ gegen die Wehrmacht, gegen Beamte in der Nazikontrollierten Verwaltung und andere Einwohner Lettlands.

 

 

Auch in Riga werden die Waldbrüder Screenshot_33als Unabhängigkeitskämpfer dargestellt; es wird offen eingeräumt, dass in ihren Reihen viele Legionäre gewesen sind, was aber nicht problematisiert wird. Man erfährt nicht, dass viele Legionäre zuvor etwa in Polizeiverbänden waren, die an Massenerschießungen von Jüdinnen und Juden in Lettland, der Ukraine und Belarus beteiligt waren.
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Zum Schluss kann man sich dann im  Museumsshop noch solche Bücher wie das hier kaufen, in denen in schlechtestem Landser-Stil die Waffen-SS-Kämpfer dargestellt werden; auch das Buch von Mart Laar über die Estnische Legion ist hier zu  kaufen.

Situation von AntifaschistInnen:

Es ist jetzt schon klargeworden, dass es nur ganz wenige  DemonstrantInnen gibt, und meist russischer Herkunft.  Die stehen allesamt im Ruf, Agenten Moskaus zu sein, in den Medien heißen sie nur „sog. Antifaschisten“ oder „Provokateure“ usw.; vor dem Hotel, in dem ein antifaschistischer Ratschlag stattfand, wurde den TeilnehmerInnen vorgehalten, KGB-Agenten zu sein.
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Alle AntifaschistInnen, mit denen ich bisher zu tun hatte, egal ob mit eher bürgerlichem Hintergrund oder radikale Antifas, waren davon überzeugt, dass Ihre Telefone abgehört und ihre E-Mails gelesen werden. Wer in Estland zur Gegendemo nach Sinimae fährt, muss damit rechnen, dass die Sicherheitspolizei an ihrem Arbeitsplatz erscheint, um den Chef über die politischen Ansichten ihres Angestellten zu informieren. Das kann sich praktisch nur leisten, wer einen russischen Chef hat…
Die estnischen wie auch die lettischen Behörden unterhalten Schwarze Listen, um mißliebige Ausländer nicht zu den Protesten anreisen zu lassen; umgesetzt wird das meines Wissens nur in Estland, wo regelmäßig Demonstranten an der Grenze oder am Fährhafen zu Finnland festgesetzt werden.
Zumindest in Litauen mischen sich zu den antirussischen auch antisemitische Stimmen, nach dem Motto: Die Juden, die protestieren, würden mit ihrer Kritik den Antisemitismus befördern.

Genau dieser Umstand hat uns ja auch dazu bewogen, diese Reihe zu machen, um wenigstens ein bisschen Solidarität mit den wenigen Antifaschisten im Baltikum zu üben.

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